IBK-Jugendkonferenz in Winterthur: Zwei Tage Nachbarschaft neu denken 

43 Jugendliche aus vier Ländern, intensive Gruppenarbeit und echte Gespräche mit Politikerinnen und Politikern aus der ganzen Bodenseeregion: Die IBK-Jugendkonferenz in Winterthur war für mich zwei Tage voller neuer Perspektiven und toller Begegnungen. 

Manchmal braucht es ein bisschen Abstand vom Alltag, um über das grosse Ganze nachzudenken. Genau das bietet die IBK-Jugendkonferenz, ein jährliches Treffen, bei dem Jugendliche zwischen 15 und 22 Jahren aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein zusammenkommen, um sich über die Zukunft der Bodenseeregion auszutauschen. Dieses Jahr fand die Konferenz in Winterthur statt, und wir, Junus (ESK Freiwilliger im aha) und ich, durften Liechtenstein dabei vertreten. 

Was ist die IBK überhaupt? 

Die Internationale Bodensee-Konferenz, kurz IBK, ist das politische Dach für grenzüberschreitende Zusammenarbeit in der Bodenseeregion. Sie wurde 1972 gegründet und zählt heute zehn Mitglieder: die deutschen Länder Baden-Württemberg, Bayern und Schaffhausen, die Schweizer Kantone Zürich, Thurgau, St. Gallen, Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden sowie Vorarlberg und Liechtenstein. Ziel ist es, einen attraktiven Lebens-, Natur-, Kultur- und Wirtschaftsraum zu erhalten und die regionale Zusammengehörigkeit zu stärken. Einmal pro Jahr kommen im Rahmen der Jugendkonferenz auch Delegierte aus allen Regionen zusammen, dieses Jahr waren wir insgesamt 43 Jugendliche. 

Vorbereitung: Was uns erwartet hat 

Vor der eigentlichen Konferenz gab es zwei Vorbereitungstreffen über Teams. Dort haben wir erstens alle wichtigen Informationen zur IBK und zum Ablauf bekommen. Zweitens hatten wir einen inhaltlichen Auftrag zu bearbeiten. Wir mussten uns mit der IBK 2050 Broschüre von Kühne Wicki, über Nachbarschaft auseinandersetzen. Ein Thema, das dieses Jahr im Zentrum stand. Das Heft stellte verschiedene Aspekte von Nachbarschaft vor. Wie sie sich verändert, was es bedeutet, Nachbar zu sein, welche Herausforderungen die Bodenseeregion in Zukunft erwartet, aber auch wie es gelingt, aus einem Grenzzaun einen Gemeinschaftsgarten zu machen. Dazu gab es fünf illustrierte Kapitel, die wir uns anschauten und zu denen wir Stellung nehmen mussten. Welches uns am meisten anspricht, welches in uns Widerstand auslöst. 

Die fünf Bilder standen je für ein Thema:  

  1. „Hallo neuer Nachbar, wie geht es dir?“: Wie Nachbarschaft heute aussieht und wie Menschen neu zueinander finden. 
  1. „Alles eine Frage der Beziehungen“: Wie Nachbarschaft auf ganz verschiedenen Ebenen funktioniert, von Wissenschaft über Alltag bis hin zu Notfallsituationen. 
  1. „Liebe Nachbarn, wir haben bald ein Problem“: Welche demografischen Herausforderungen wie Bevölkerungsrückgang und Alterung die Bodenseeregion in Zukunft bedrohen. 
  1. „Hey, es geht doch auch freundlich!“: Wie konstruktive und freundliche Nachbarschaft zwischen Regionen und Menschen konkret aussehen kann. Und schliesslich  
  1. „Vom Grenzzaun zum Gemeinschaftsgarten“: Wie aus Grenzregionen echte gemeinsame Lebensräume werden können. Diese Vorarbeit hat uns gut auf die Konferenz eingestimmt. 


Anreise und erster Abend in Winterthur 

Am Mittwoch, dem 6. Mai 2026, fuhren Junus und ich mit dem Zug nach Winterthur. Nach dem Check-in im Ibis Hotel, wir waren je mit einer unbekannten Person aus einer anderen Delegation im Zimmer, ging es gemeinsam zu Fuss ins Restaurant Ocean Five zum Abendessen. Und genau dort hat die Konferenz für mich wirklich begonnen. 

„Die Atmosphäre war vom ersten Moment an super. Locker, offen und herzlich.“ 

Man hat sich sehr schnell mit allen verstanden, weil wir im Grunde alle dasselbe Interesse geteilt haben. Das Politische, das Gesellschaftliche, die Frage, wie wir in dieser Region zusammenleben wollen. Das hat dazu geführt, dass man sehr schnell auf einer Wellenlänge war, auch mit Leuten, die man vorher gar nicht kannte. Nach dem Abendessen sind wir zurück ins Hotel und haben unten noch gemeinsam Fussball geschaut, ein entspannter, echter Abschluss eines tollen ersten Abends. Was mich besonders gefreut hat, es war überhaupt nicht steif oder übermässig formal. Genau das macht solche Treffen für Jugendliche wertvoll. 

Arbeiten im Plenum: Traumtag 2050 

Am Donnerstag, dem 7. Mai, hiess es früh aufstehen. Um 07.30 Uhr trafen wir uns, Koffer schon gepackt, vor dem Hotel und liefen gemeinsam zum Osttor, dem Tagungsort. Dort erwartete uns ein Einstieg von Dr. Martina Kühne und Martina Wicki vom Zukunftsforschungsbüro Kühne Wicki. Die beiden sind Expertinnen für Futures Literacy und Zukunftsforschung und beschäftigen sich damit, wie Organisationen und Gesellschaften mit Unsicherheit und Wandel umgehen können. Ein Ansatz, der perfekt zum diesjährigen IBK-Thema Nachbarschaft und Zukunft passte. Ihr Einstieg war wirklich gelungen. Sie haben uns klar erklärt, was wir heute gemeinsam erarbeiten werden und wie. 

Danach wurden wir in Gruppen aufgeteilt, jeweils zwei Gruppen pro Bild aus dem Vorbereitungsheft. Jede Gruppe bearbeitete ein anderes Bild aus dem IBK 2050 Broschüre. Unabhängig voneinander, analysierten wir  erstens, was auf dem Bild passiert und wie das jeweilige Thema heute und im Jahr 2050 aussehen könnte. Dann beschrieben wir einen konkreten Traumtag in 2050, bezogen auf das Thema des Bildes. 

Meine Gruppe arbeitete am Bild: „Liebe Nachbarn, wir haben bald ein Problem“. Unser Traumtag 2050 sah so aus. Man wacht in einer wirklich vereinten Region auf, in der man überall gleiche Chancen hat. Beim Arbeiten, beim Leben, beim Bewegen. Meinungsfreiheit und Grundrechte sind selbstverständlich. Der öffentliche Verkehr ist nachhaltig, modern, günstig und grenzüberschreitend ausgebaut, sodass die Klimaziele der Region erreichbar werden. Zusätzlich war mir eine stabile und freie Marktwirtschaft von grosser Wichtigkeit. Sodass man die Wohlfahrt der vier Länder Region stärken kann und als Vorzeigemodell für andere Regionen gilt. Junus hatte noch eine besondere Idee. Ein regelmässiges Open-Air- und Foodfestival, das die vier Länder verbindet. Weil genau solche gemeinsamen Erlebnisse Menschen zusammenbringen und ein echtes Wir-Gefühl schaffen. 

„Junus Idee eines grenzüberschreitenden Festivals hat direkt den Nerv getroffen, weil es nicht abstrakt ist, sondern erlebbar.“ 

Im Anschluss haben alle Gruppen ihre Ideen vorgestellt und ausgetauscht. Jede Person durfte dann noch einen Satz formulieren, was sie heute für das Wichtigste der vorherigen Arbeitssession hält. Diese Sätze wurden auf dem sogenannten Zukunftsradar 2050 der IBK festgehalten. Eine Art lebendige Zusammenfassung unserer gemeinsamen Visionen, welche anschliessend nach der Fishbowl-Diskussion dem Ständigen Ausschusses überhändigt wurde. 

Fishbowl mit Politik: Auf Augenhöhe 

Einer der stärksten Momente der Konferenz war die anschliessende Fishbowl-Diskussion. Im Innenkreis sassen politisch engagierte Persönlichkeiten aus allen Regionen und Vertreter des Ständigen Ausschusses. Darunter etwa Regierungsrätin Jacqueline Fehr aus dem Kanton Zürich oder Regierungssekretär Michael Hasler aus Liechtenstein. Diskutierten, moderiert von Martina Kühne, über Fragen zur Zukunft der IBK-Nachbarschaft. 

Was mich besonders beeindruckt hat, war dass es kein abgehobenes Politikgespräch war, sondern ein echter, nachvollziehbarer Dialog. Zentral war das Thema Dankbarkeit. Dankbar dafür, was diese Region gemeinsam aufgebaut hat und was die Nachbarschaft möglich macht. Ein Vergleich hat mich dabei besonders getroffen. Die IBK-Region ist wie eine Geschwisterbeziehung. Man ist verschieden, es gibt Reibung, manchmal sogar Streit, aber man hält zusammen, man ist tolerant, und man findet sich wieder. 

Flying Lunch, Bowling und Abschied 

Nach der Fishbowl gab es einen Flying Lunch mit feinem Essen, bei dem wir uns mit den anderen Delegationen und den Gästen des Ständigen Ausschusses, dem operativen Organ der IBK, austauschen konnten. Das waren tolle Gespräche, ganz unkompliziert und auf Augenhöhe. Den Abschluss bildete ein gemeinsamer Bowling-Nachmittag, ein schöner, entspannter Ausklang nach zwei intensiven Tagen. 

Fazit: Erfrischend, echt und empfehlenswert 

„Zusammenfassend war die IBK-Jugendkonferenz wirklich eine tolle Erfahrung, und zwar nicht trotz der politischen Themen, sondern gerade deswegen.“ 

Die Atmosphäre war offen, die Menschen echt, die Gespräche wertvoll. Es ist kein steifes, übermässig formales Event, sondern ein Ort, an dem Jugendliche aus vier Ländern über Dinge sprechen können, die sie wirklich bewegen. Man lernt neue Sichtweisen kennen, vernetzt sich, und merkt, dass man mit seinen Fragen und Ideen nicht allein ist. Ich würde es jederzeit wieder machen und kann es allen empfehlen, die sich für die Region, für Europa und für echten Austausch interessieren. 

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