Diesen Sommer durfte ich ein Pre-College an der Tufts University in Boston machen. Ich bin also während meiner Sommerferien zwei Wochen zur „Schule“ gegangen und habe mich mit dem Thema Engineering with Artificial Intelligence beschäftigt. Warum diese zunächst uncool klingende Idee am Ende zu den besten Ferien meines Lebens wurde, will ich dir in diesem Artikel erzählen.

College-Luft schnuppern – schon vor der Matura
Viele amerikanische Universitäten bieten jährlich während der Sommerferien Pre-Colleges an. Das heisst, man beschäftigt sich in einem Kurs mit anderen Schüler:innen und einem oder mehreren Professorinnen mit einem gewählten Thema. Je nach Pre-College geht es entweder darum, herauszufinden, was man studieren möchte, oder darum, frühzeitig themenspezifische Kenntnisse zu erwerben. Deshalb sind die meisten Pre-Colleges auch so aufgebaut, dass man ein bisschen den Alltag an einem „College“ kennenlernt. Mir ging es vor allem darum, mich wirklich im Themenbereich der KI zu vertiefen. Und auch wenn sich das auf den ersten Blick nur nach ChatGPT anhört, das einem die Hausaufgaben erledigt – steckt weit mehr hinter dem Thema. Aber dazu später noch mehr.
Bewerbung – nicht schwierig, aber aufwendig
Damit ich diesen Sommer am Pre-College teilnehmen durfte, musste ich mich schon im Dezember bewerben. Die Tufts University verlangte verschiedene Dokumente und Bescheinigungen. Dazu gehörten unter anderem ein Empfehlungsschreiben einer Lehrperson, all meine bisherigen Zeugnisse, ein englisches Sprachdiplom der Stufe C1 (Cambridge wurde nicht akzeptiert – ich musste extra das IELTS machen) und auch eine Bescheinigung, dass ich wohltätig aktiv bin. Daraufhin musste ich warten, ob ich nun angenommen wurde oder nicht. Im Januar kam dann endlich die Bestätigung: Ich wurde angenommen! Aber jetzt ging der Spass erst richtig los. Die Universität forderte etliche Formulare von mir – von Impfbescheinigungen bis hin zu einer Erlaubnis meiner Eltern, dass ich mich allein auf dem Campus bewegen darf, war alles dabei. Gleichzeitig wurde das Ganze auch immer professioneller, denn ich bekam meine eigene E-Mail-Adresse und einen eigenen Tufts-Microsoft-Zugang.

Ein typischer Tag an der Tufts University
Am ersten Montag meiner Ferien war es dann endlich so weit – das Pre-College begann! Und schon am ersten Tag war ich überzeugt: Der bürokratische Aufwand hat sich definitiv gelohnt.
Jeden Tag ging es von 9 Uhr morgens bis 16 Uhr. Gegen 11:30 Uhr bis etwa 13:00 Uhr hatten wir täglich Mittagspause. Das im Preis inbegriffene Essen fand ich wirklich gut – es handelte sich um ein amerikanisches All-you-can-eat-Buffet. Vielleicht war es nicht immer das Gesündeste, was ich wählte (Burger + Pizza + Softeis + Cookie), aber es war lecker. Täglich (bis auf die drei letzten Tage) hatten wir in der ersten Stunde am Nachmittag einen Guest Speaker. Diese waren Studierende, Professor:innen oder Alumni, die von ihrer Arbeit erzählten oder uns mit Vorträgen in bestimmte Themen vertieften. Ansonsten wurden wir von einem Professor unterrichtet, der von vier sogenannten Teaching Fellows begleitet wurde. Der Unterricht war immer recht locker, aber gleichzeitig in einem zügigen Tempo.
So wurde es nie langweilig, weil der Professor nie zu lange erklärte und man viel selbst machen und ausprobieren durfte. Sobald man ein Problem hatte, konnten einem die Teaching Fellows, also die Assistent:innen des Professors, perfekt helfen. Somit konnte ich in diesen zwei Wochen jede Menge hands-on experience sammeln und wirklich alles selbst ausprobieren. Besonders spannend wurde es in den letzten drei Tagen, als wir in kleinen Gruppen (2–5 Personen) ein Final Project machen durften. Jede Gruppe setzte dabei ein selbst gewähltes Projekt um, das auf dem zuvor Gelernten aufbaute.
Am letzten Tag wurden dann alle Projekte präsentiert – sogar Eltern durften zuschauen. Während der zwei Wochen lebte ich mit meiner Familie in einem Hotel, was den Vorteil hatte, dass wir nach den Kursen und am Wochenende eigene Aktivitäten unternehmen konnten. Es gab aber auch die Möglichkeit, auf dem Campus zu übernachten.





Programmieren mit KI
Doch was genau wurde uns eigentlich beigebracht? Eigentlich gab es zwei Hauptaspekte: Erstens, wie verschiedene Arten von KI funktionieren, und zweitens, wie wir sie in unsere Engineering-Projekte einbauen können. Uns wurde gezeigt, wie man einfache KIs komplett selbst programmieren kann, und genau erklärt, wie die Algorithmen funktionieren. Gleichzeitig lernten wir, wie man bereits existierende KI-Produkte in eigene Designs integrieren kann. Ausserdem ging es darum, wie man KI nutzen kann, um den eigenen Engineering Workflow zu verbessern. Zum Beispiel lernten wir, wie man mit KI effizienter programmieren kann. Wir wurden auch ständig ermutigt, bei Problemen KI als Hilfsmittel einzusetzen. So kam man auf unterschiedlichste Arten mit KI in Kontakt und lernte schnell die Stärken und Grenzen kennen. Der Professor (ein ehemaliger Google-Mitarbeiter) war zudem super offen und beantwortete mir oft noch nach dem Kurs geduldig meine Fragen.
Obwohl ich schon vor dem Kurs gerne und oft KI benutzt habe, lernte ich noch einmal komplett neue Dinge kennen – einige davon hatte ich noch nie gesehen, andere gibt es sogar nur in den USA. Am meisten Spass hat mir aber trotzdem das Final Project gemacht. Dort habe ich – aufbauend auf meiner eigenen Idee – mit drei anderen einen Roboterarm gebaut, mit dem man wirklich sprechen konnte. Dieser Arm verstand menschliche Sprache und bewegte sich oder antwortete je nach dem, was man ihm sagte. Ich war sehr überrascht, aber auch ziemlich stolz, als ich sah, dass wir diesen faszinierenden Roboter nur mit dem Wissen aus den zwei Wochen gebaut und programmiert hatten.
Mein Fazit – Mach es!
Egal, ob du einfach mal in eine Studienrichtung schnuppern willst oder dich wirklich in ein Thema vertiefen möchtest – es ist einfach eine einmalige Gelegenheit. Neben dem Fakt, dass es richtig Spass macht und du gleichzeitig viel lernst, kannst du auch neue Leute mit ähnlichen Interessen kennenlernen. Und gratis dazu verbessert sich noch dein Englisch. Ich würde es sofort wieder machen und empfehle es allen, die die Möglichkeit haben, unbedingt weiter! Also, was hält dich davon ab, nächsten Sommer auch so etwas zu machen?
Infobox:
Die private Forschungseinrichtung Tufts University befindet sich in Medford/Somerville bei Boston (USA) und bietet über 90 Bachelor- und rund 160 Master- bzw. Promotionsprogramme an. Tufts steht besonders für ihre interdisziplinären Programme, grosse internationale Ausrichtung und Forschung. Mehr zum Pre-College Programm findest du hier: https://universitycollege.tufts.edu/pre-college
