Was steckt hinter einer Rheinaufweitung?

Was hätte eine Rheinaufweitung für Folgen? Weshalb wäre sie nützlich? Was spricht dagegen? Mit all diesen Fragen beschäftigt sich der folgende Artikel.

aha-Jugendreporter Severin

Regulierung des Rheins im 19. Jahrhundert

Wer auch nur ein wenig in Geografie aufgepasst hat, weiss, dass ein natürlicher Fluss nicht so aussieht wie unser Rhein. Mit der „Rheinregulierung“ im 19. Jahrhundert wurden hohe Dämme gebaut und der Fluss in eine geradlinige Form gezwungen. So konnten die Bauern damals die Kraft des Wassers bändigen und sich besser vor Hochwasser schützen. Was für die Bauern gut war und der Landwirtschaft neue Flächen verschaffte, ging leider auf Kosten der Artenvielfalt, der Biodiversität und der Erholungsräume.

Sicherheit und Artenvielfalt: Die Herausforderungen der Zukunft

In Zeiten des Klimawandels ist es wichtig, solche Missstände wieder aufzugreifen und neue Lösungen auszuarbeiten. Der Rhein könnte so viel mehr sein, als er heute ist. Artenreicher, vielfältiger, schöner und sicherer. Die bestehenden Dämme schützen uns zwar relativ gut vor Hochwasser, doch mit einem Alter von teilweise über 130 Jahren werden auch sie zunehmend unsicherer. Einem 300-jährlichen Hochwasserereignis hielten die heutigen Dämme nicht stand und es wäre gemäss dem Projekt Rhesi (Rhein: Erholung und Sicherheit) mit Schäden von bis zu 13 Milliarden Franken zu rechnen. Jetzt kann man sich fragen, wie gross ist das Risiko, dass es in Liechtenstein wieder ein Hochwasser geben könnte? Gar nicht so gering. Auf der Liste der grössten Gefahren für Liechtenstein liegt ein Rheinhochwasser nämlich auf Platz 4.

Die Notwendigkeit und Vorteile einer umfassenden Aufweitung und Renaturierung

Eine Sanierung der Liechtensteiner Dämme würde ca. 50 Millionen Franken kosten. So könnte man sich überlegen, gemeinsam mit der Schweiz gleich ein grösseres Projekt zu machen, das nicht nur eine Sanierung ist, sondern gleichzeitig auch eine Aufweitung und Renaturierung. Die Schweiz arbeitet derzeit gemeinsam mit Österreich an solchen Projekten und möchte diese auch in naher Zukunft umsetzen (Projekt Rhesi).

Wenn man dem Fluss mehr Raum gibt und moderne Dämme etwas ins Landesinnere verlegt, entsteht viel Raum für Natur und Erholung. An einigen Stellen wäre es möglich, zu schwimmen oder im Wasser zu waten, um sich an heissen Sommertagen abzukühlen. Später am Abend könnte man im Schatten kleiner Bäume und Sträucher gemütlich grillen (Naherholungsgebiet für Einheimische und auch Touristen).

Zudem würde aus einem heute scheinbar „toten“ Gewässer ein wertvoller Lebensraum für unzählige Tier- und Pflanzenarten entstehen (Biodiversität/Artenvielfalt). In einem Fluss wie dem Rhein könnten im natürlichen Zustand 200 bis 300 kg Fische pro Hektar vorkommen, im liechtensteinischen Abschnitt sind es derzeit nur ca. 9 bis 10 kg. Fischarten, die in den letzten Jahren stark zurückgegangen sind, könnten sich wieder erholen. Bei all den tollen Ideen vergisst man fast, dass sich auch der Hochwasserschutz deutlich verbessern würde. Ein 300-jährliches Hochwasser könnte uns wahrscheinlich nicht mehr viel anhaben. Ökologie und Hochwasserschutz könnten gemeinsam erreicht werden.

Konflikte mit der Landwirtschaft

Die lauteste Kritik gegen ein solches Projekt kommt natürlich aus der Landwirtschaft. Die liechtensteinischen und schweizerischen Bäuerinnen und Bauern würden durch eine Aufweitung relativ grosse fruchtbare Flächen verlieren. Diese Verluste könnten wahrscheinlich zu einem grossen Teil durch die Umwandlung von Waldflächen in Landwirtschaftsland kompensiert werden. Die verlorene Waldfläche würde durch die Natur, die im Bereich der Aufweitung entsteht, kompensiert.

Dynamische Flusslandschaften

Der Erfolg einer Aufweitung liegt in der Dynamik, alles muss ständig in Bewegung sein. Die Strömung transportiert Sand, Kies und Totholz, lagert es ab, verlagert es und trägt es wieder ab. So entsteht ein geschwungener Flusslauf mit vielen Verzweigungen. Auf den Sand- und Kiesbänken siedeln sich schnell erste Pflanzen an, die Insekten und andere Tiere anziehen.

Dringender Handlungsbedarf

Diese ausgiebige Revitalisierung macht sich nicht von selbst, sondern benötigt eine menschliche Starthilfe und viel Zeit. Aufweitungen in Abschnitten des Rheins vor und nach Liechtenstein sind schon lange in Planung. Das ist der Grund, weshalb auch wir jetzt endlich handeln sollten!

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