Jugendliche aus sieben Ländern, intensive Diskussionen und eigene politische Ideen: Das YPAC in Chamonix war für mich eine Woche voller neuer Erfahrungen. Ich konnte aktiv mitarbeiten und meine eigenen Vorschläge einbringen.
Johannes Lucke

Nach einer entspannten Anreise mit einem Zwischenstopp in Genf kamen wir am Montag in Chamonix an, dem Austragungsort des diesjährigen YPAC. Da die 10 Delegationen aus der Schweiz, Deutschland, Italien, Liechtenstein, Frankreich, Österreich und Slowenien herkamen, war an diesem Tag kaum Programm vorgesehen, da viele Delegationen die Jugendherberge erst am Abend erreichten. Nach dem Abendessen gab es eine erste Ice-Breaker-Aktivität mit Lieder erraten. Obwohl dieses erste Begegnen nicht bei allen auf Zustimmung getroffen hat, fand ich es eine sehr gute erste Möglichkeit, die Barriere zu brechen. Danach hatten wir offiziell Freizeit, in der wir gemeinsam ins Dorf von Chamonix gingen, um noch ein bisschen abzuhängen. Einige Teilnehmer kannten sich gegenseitig schon, ich dagegen war ein Neuling. Trotzdem habe ich mich sehr schnell in der Gruppe integriert gefühlt und den Abend genossen.
Arbeiten im Komitee Energie in den Alpen
Eröffnet wurde das YPAC am Dienstag mit einem Vortrag eines wichtigen lokalen Politikers. Für mich persönlich war dieser sehr inspirierend, da mir dort auch die Idee kam, die wir später zu einer Postulation machen werden, aber dazu nachher noch mehr. Danach trafen wir uns das erste Mal in unserem Komitee. Es gab vier Komitees mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Ziel war in jedem Komitee, drei Postulationen zu schreiben, also Vorschläge/Ideen, die ein Problem im Thema des Komitees lösen sollten. Mein Komitee beschäftigte sich mit „Energy Transition in the Alps“, also wie wir saubere Energie zur Verfügung stellen können, ohne den Naturraum der Alpen zu sehr zu verändern oder zu gefährden. Im Online-Meeting hatten wir noch wenige Ideen. Beim Brainstorming vor Ort lief es dann aber richtig gut. Danach wählten wir drei Ideen aus, was schnell und ohne grosse Diskussionen ging. Schlussendlich wurde sogar aus meiner Idee eine Postulation. Nachdem festgelegt wurde, was die Themen der einzelnen Postulationen waren, teilten wir unser Komitee in drei Gruppen auf, für jede Postulation eine. Ich arbeitete schlussendlich mit 2 Slowenierinnen und einer Österreicherin zusammen. Danach formulierten wir unseren Vorschlag aus und recherchierten weiter zu unserem Thema. Mit dem hier gelernten Wissen konnten wir dann am Donnerstag unsere Idee vor den anderen Teilnehmern des YPAC verteidigen.

„Schlussendlich wurde sogar aus meiner Idee eine Postulation“
Unsere Idee war, ausgediente Skilifte als Energiespeicher zu nutzen. Da wir immer wieder Kaffeepausen hatten und ein recht freies Arbeitsklima herrschte, war die Arbeit kaum ermüdend und machte überraschend viel Spass. So war dann schon schneller als gedacht später Nachmittag und wir hatten Freizeit. Am Abend war dann noch die offizielle Opening Ceremony des YPAC, dort gab es einige Ansprachen und alle Delegationen hatten eine kleine Aufführung, die etwas aus ihrer Heimat repräsentieren sollte. Dadurch war das Programm sehr abwechslungsreich und lustig und man lernte gleichzeitig noch einiges über die verschiedenen Delegationen.
Von der Idee zur fertig Postulation
Am Mittwoch ging es dann mit der Arbeit bezüglich den Postulationen weiter. Wir verfeinerten unsere Texte, recherchierten noch einzelne Feinheiten und überlegten uns Antworten auf potenzielle Fragen. Zudem hatten wir am Mittwoch das erste Mal die Möglichkeit, die Postulationen der anderen Komitees zu hören. Dadurch hatten wir dann im Verlauf des Nachmittags die Möglichkeit, Reden zu schreiben. Beim YPAC kann man nämlich Speeches against und in favour von Postulationen schreiben, die man dann am Donnerstag hält. Nach Absprache mit meinem Komitee entschied ich mich, eine Speech against zu schreiben. Dabei fokussierte ich mich auf eine Postulation von einem anderen Komitee und versuchte, diese innerhalb einer einminütigen Rede auszuargumentieren. Auch wenn das sehr fies klingen mag, fand ich das in diesem Fall sehr sinnvoll, da die Postulation ziemlich den Werten unseres Komitees widersprach, welches ich ja vertreten werde. Aufgelockert wurde der Tag durch einen gemeinsamen Ausflug zum Mer de Glace, einem Gletscher in Chamonix. Ich war sehr fasziniert, denn der Gletscher war der schönste, den ich bis jetzt gesehen habe, aber auch gleichzeitig schockiert, da man auch an diesem Gletscher einen massiven Rückgang in den letzten Jahren beobachten konnte. Am Abend waren wir dann wieder mit den Schweizern und Italienern im Ausgang und hatten eine sehr amüsante Zeit.



Die grosse Abschlussdebatte
Am Donnerstag war dann der grosse Tag. Heute fand die General Assembly statt, der Event, an dem alle ihre Postulationen vorstellen und verteidigen sollten, Reden halten und schlussendlich die 5 besten Postulationen wählen. Auch wenn schon die letzten beiden Tage alle immer sehr schön gekleidet waren, war heute ein ganz strikter Dresscode mit Anzug und Krawatte für die Männer. Mit diesem Outfit habe ich mich schon wie ein echter wichtiger Politiker gefühlt. Auch die anderen Gegebenheiten verstärkten dieses Gefühl, z.B. der Fakt, dass man, sobald man von einem President
drangenommen wurde, „Thank you for the floor, mister/madame President“ sagen musste. Vielen machte das Probleme, für mich war es sehr schnell sehr natürlich und verleiht dem Ganzen nur noch mehr das Gefühl, dass es hier um etwas Wichtiges gehen würde.
„Ich habe mich wie ein echter Politiker gefühlt“
Unser Komitee war als erstes dran, unsere Postulationen vorzustellen und zu verteidigen. Ich war vor Beginn etwas beängstigt, dass sehr schwierig zu verteidigende Fragen kommen würden, aber die meisten Fragen waren eher Verständnisfragen als angreifende Fragen, und so machte es sehr Spass, vorne zu sitzen und alle Fragen zu klären und Skeptiker zurückzuweisen. Glücklicherweise hat zudem niemand eine Speech against gegen unser Komitee gehalten und es gab nur eine in favour für uns. Zusammenfassend lief es also für mein Komitee richtig gut. Das Coole daran, dass wir als erstes dran waren, war, dass wir nachher alle anderen Komitees angreifen konnten, weil sie uns ja nicht mehr angreifen konnten. Das nutzte ich natürlich gnadenlos aus und hatte sehr viel Spass dabei, kritische Fragen zu stellen und dann auch meine Speech against zu halten. Mein Freund, der im betreffenden Komitee war, fand diese natürlich nicht so lustig, aber das war mir egal. Am Ende des Nachmittags gab es dann die Abstimmung, bei der die fünf beliebtesten Postulationen ausgewählt wurden. Unser Komitee war mit zwei durchgekommenen Postulationen sehr erfolgreich. Am Abend gab es dann noch eine Abschlussparty, bei der wir wieder alle sehr viel Spass hatten.
Neue Kontakte und letzte Eindrücke
Am Freitag war schon der letzte Tag. Ich versuchte noch, mit einigen Leuten Kontakte auszutauschen, damit ich mit den Leuten, die ich in der Woche kennengelernt habe, in Kontakt bleiben kann. Nach einer kleinen Verabschiedung und einer Überreichung der Zertifikate ging es für die Schweizer und Liechtensteiner noch gemeinsam auf die Aiguilles du Midi. Obwohl es unheimlich kalt war, fand ich es einen sehr gelungenen Abschluss der Woche, da die Aussicht und der Mont Blanc wirklich sehr sehenswert waren. Danach traten wir dann schon unsere Heimreise an und reflektierten im Zug nochmals gemeinsam die Woche.
„Zusammenfassend war ich wirklich überzeugt von der Woche. Es hat unheimlich viel Spass gemacht, mal in einer Art wie echte Politiker zu arbeiten und sich über die Themen einzulesen. Gleichzeitig war es aber auch eine super Gelegenheit, neue Leute aus der ganzen Alpenregion kennenzulernen. Aus diesem Grund würde ich jederzeit wieder teilnehmen und es auch an alle Politikinteressierten, weiterempfehlen.“
Das YPAC (Youth Parliament to the Alpine Convention) ist das Jugendparlament zur Alpenkonvention. Es wurde 2006 von zehn Schulen aus dem gesamten Alpenraum gegründet, darunter auch das Liechtensteinische Gymnasium.
Jedes Jahr im März treffen sich Schüler:innen für eine Woche an einer dieser Schulen. In einer Parlamentssimulation setzen sie sich mit aktuellen Herausforderungen im Alpenraum auseinander, entwickeln gemeinsam Lösungen und diskutieren diese in einer Generalversammlung.
Alle Infos: www.lg-vaduz.li/informationen/ypac-jugendparlament
