Zwischen Prüfungsstress und Erholung

Am 29. April war ich als Tischmoderatorin beim jubel-Forum im Einsatz. Ich durfte mit den Teilnehmenden über das Thema mentale Gesundheit diskutieren und schnell wurde klar: Prüfungen sind ein grosser Stressfaktor für Schüler:innen.

In Liechtenstein gelten eigentlich klare und sinnvoll gedachte Prüfungsregeln. Es gibt keine unangekündigten Prüfungen, pro Woche sollen maximal drei „grosse“ Prüfungen stattfinden, und die Lernziele sowie der Lernstoff müssen den Schülerinnen und Schülern im Voraus bekannt sein. Ausserdem müssen Prüfungen mindestens eine Woche vorher angekündigt werden inklusive Termin und Inhalt und im Kalender eingetragen sein. Zusätzlich darf es nicht zwei grosse Prüfungen an einem Tag geben, und in der ersten Fachlektion nach den Ferien sollten keine Prüfungen stattfinden. Diese Regeln haben das Ziel, den Schulalltag strukturierter, fairer und weniger stressig zu machen.

Auf den ersten Blick wirkt dieses System durchdacht. Es vermittelt den Eindruck, dass Rücksicht auf die Belastung der Schülerinnen und Schüler genommen wird. In der Praxis zeigt sich jedoch oft ein anderes Bild. Denn Prüfungen sind nur ein Teil des Schulalltags. Hinzu kommen regelmässige Hausaufgaben, Vorbereitungen, Projekte und lange Unterrichtstage. Viele Schülerinnen und Schüler haben mehrmals pro Woche Schule bis 16:00 Uhr oder sogar bis 16:45 Uhr. An manchen Tagen gibt es zusätzlich Unterricht über den Mittag, wodurch sich der Schultag noch länger anfühlt und weniger echte Erholungszeit bleibt.

Wenn man nun bedenkt, dass in einer Woche bis zu drei grossen Prüfungen stattfinden können, wird schnell klar, wie hoch die tatsächliche Belastung ist. Nach einem langen Schultag bleibt oft nur wenig Energie übrig, um konzentriert zu lernen. Gleichzeitig müssen Hausaufgaben erledigt werden, und viele möchten auch noch Zeit für Hobbys, Sport oder Freunde haben. Genau hier entsteht ein grosses Problem: Der Anspruch des Systems passt nicht immer zur verfügbaren Zeit und Energie der Schülerinnen und Schüler.

Wie viel ist eigentlich zu viel?

Besonders widersprüchlich ist die Botschaft, die oft vermittelt wird. Einerseits wird betont, wie wichtig Ausgleich, Freizeit und Erholung sind. Andererseits ist der Schulalltag so organisiert, dass genau dafür kaum Raum bleibt. Selbst die Ferien, die eigentlich zur Erholung dienen sollen, sind oft nicht vollständig frei von schulischem Druck. Viele Schülerinnen und Schüler müssen bereits in den Ferien für Prüfungen lernen, die kurz nach Schulbeginn stattfinden. Das führt dazu, dass die Ferien ihren eigentlichen Zweck nämlich Erholung und Abstand vom Schulstress nur teilweise erfüllen.

Andere Länder, andere Wege

Ein Vergleich mit anderen Bildungssystemen zeigt, dass es auch alternative Ansätze gibt. In Finnland beispielsweise wird grosser Wert daraufgelegt, dass Lernen nicht mit dauerhafter Überlastung verbunden ist. Der Schultag beginnt dort meist zwischen 8:00 und 9:00 Uhr und endet häufig bereits zwischen 12:00 und 15:00 Uhr, je nach Alter. Zudem gibt es regelmässige Pausen, oft etwa 15 Minuten nach jeder Unterrichtseinheit. In der Oberstufe sind die Stundenpläne flexibler organisiert, sodass nicht jeder Tag gleich lang ist. Die Grundidee dahinter ist klar: Schülerinnen und Schüler lernen nachhaltiger und effektiver, wenn sie genügend Pausen haben und nicht permanent unter Druck stehen.

Das bedeutet nicht, dass das System in Liechtenstein schlecht ist oder keine Stärken hat. Im Gegenteil: Die vorhandenen Regeln zeigen, dass ein Bewusstsein für Fairness und Struktur existiert. Dennoch reicht es nicht aus, nur gute Regeln aufzustellen. Entscheidend ist, wie sich diese im Alltag auswirken. Wenn Schülerinnen und Schüler trotz dieser Regeln das Gefühl haben, dauerhaft überlastet zu sein, dann besteht offensichtlich Verbesserungsbedarf.

Ein mögliches Problem liegt darin, dass Prüfungen, Hausaufgaben und lange Schultage zusammenkommen und sich gegenseitig verstärken. Selbst wenn jede einzelne Regel für sich sinnvoll ist, kann die Kombination zu einer hohen Gesamtbelastung führen. Genau deshalb wäre es wichtig, den Schulalltag als Ganzes zu betrachten und nicht nur einzelne Elemente wie Prüfungen isoliert zu regeln.

Mein Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen: Das Schulsystem in Liechtenstein ist grundsätzlich gut strukturiert, aber in der praktischen Umsetzung oft sehr anspruchsvoll. Die Belastung für Schülerinnen und Schüler ist teilweise hoch, und die Zeit für Erholung, Freizeit und persönliche Entwicklung kommt zu kurz. Schülerinnen und Schüler sind keine Maschinen, die dauerhaft Leistung bringen können, sondern junge Menschen, die neben der Schule auch Zeit brauchen, um sich zu erholen, Interessen zu verfolgen und sich gesund zu entwickeln. Genau hier liegen die Herausforderung und auch die Chance für Verbesserungen.

Hintergrund: Laila moderierte am jubel-Forum den Diskussionstisch «Wohlfühlen im Kopf».

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Quellen:

Prüfungsregeln LG:

Richtlinien für Prüfungen

FAQ :: WSV

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